sweets processing 1-2/2026

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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„Wie rein ist rein genug?“

Bei den IVLV-Zukunftstagen „Konformität von Lebensmittelverpackungen” informierten ­Wissenschaftler des Fraunhofer IVV sowie Referenten aus Forschung und Industrie über ­ eine Fülle von Neuerungen und geplanten Entwicklungen bei der Konformitäts­bewertung. Dabei zeigt sich, dass die Gesetzgebung einerseits noch strengere Reinheits­anforderungen stellt, deren Erfüllung gleichzeitig durch politische Unwägbarkeiten erschwert wird, etwa bei MOAH. Weitere Aufgaben bringen die durch die PPWR geforderten Rezyklatquoten mit sich.

Von Alfons Strohmaier


Die Bedeutung der Industrievereinigung für Lebensmitteltechnologie und Verpackung IVLV betonte Dr. Ing. Tobias Voigt, Geschäftsführer der IVLV, in seiner Begrüßungsrede. Mit 273 Mitgliedern sowie 30 Forschungseinrichtungen biete das Wissensnetzwerk viele Vorteile und erhalte stetig Fördergelder, sagte Voigt, der auf über 80 Einzel­projekte und 40 bis 50 Kooperationsprojekte hinwies. „Gemeinsam können wir mehr erreichen”, lautete seine Botschaft. Ersichtlich war dies auch bei den Zukunftstagen 2025 der ­Arbeitsgruppe Konformität von ­Lebensmittelverpackungen, die von Dr. Monika Tönnießen (Henkel), Obfrau der Arbeitsgruppe, und Dr. Angela Störmer (Fraunhofer IVV) sympathisch und fachkundig moderiert wurden.

Dabei beschäftigt sich die Arbeitsgruppe seit vielen Jahren mit der Prüfung der rechtlichen Konformität von Lebensmittelverpackungen und forscht intensiv zu alternativen Methoden ­intelligenter, lebensmittelrechtlicher Konformitätsbewertung. Auf der diesjährigen Sitzung der AG stellte sich einmal mehr heraus, wie sehr sich ­Industrie und Forschung auf immer neue Änderungen vonseiten der Politik einstellen müssen. Diesmal beleuchteten die Experten aus Wissenschaft und Industrie vor allem die ­Themenbereiche Gesetzgebung und Konformitätsarbeit, Papier und Pappe, ­Sicherheit von Verpackungen sowie Recycling und Kreislaufwirtschaft.

­Gerade Letztere erhalten durch das ­Inkrafttreten der EU Packaging and Packaging Waste Regulation ­(PPWR) eine zusätzliche Relevanz. Wie gewohnt bei den Arbeitstagungen gab es einen fundierten Einblick in ­aktuelle Forschungsprojekte. So präsentierten Carina Stärker und Tim ­Kaluza vom Fraunhofer IVV das IVLV-Forschungsprojekt „Digitales Konformitätssystem”, nachdem Dr. Störmer eingangs die jüngsten Änderungen aus der Gesetzgebung und Normung vorgestellt hatte. Wie Stärker und ­Kaluza aufzeigten, plant die Kommission eine digitale Dokumentation von Konformitäten und unterstützenden Dokumenten, was die Firmen vor große Herausforderungen stellen werde. Denn erforderliche Informationen sind für die Nutzer schwer zu finden, und grundlegende Informationen sind für die Öffentlichkeit oft nicht ­zugänglich. Nun soll das IT-System die Probleme lösen. Im Mittelpunkt standen Ergebnisse einer Umfrage, um Anforderungen an das IT-System und benötigte Informationen zu eruieren.

Angesichts der hohen Komplexität in der Kette mit vielen verschiedenen Anwendungsgebieten, Materialien und Materialaufbauten, Verpackungsformaten, Prints/Printdesigns etc. müssen Kommunikation und Digitalisierung verbessert werden. Dies wurde auch beim Vortrag von Heidi Moor von SQTS Swiss Quality Testing Services, einem Bereich der Migros, deutlich. Moor beleuchtete den neuen Artikel 3a in der EU-Kunststoffverordnung 10/2011, der Reinheitsanforderungen und deren Umsetzung regeln soll und derzeit sehr umstritten und heiß umkämpft ist. Experten sehen die ­vorgeschlagenen extrem niedrigen Nachweisgrenzen von 0,15 ppb als nicht umsetzbar an. Dadurch werden jetzt auch bislang unbekannte NIAS/Verunreinigungen identifiziert. Es entstehen steigende Kosten durch mehr Konformitätsarbeit und eine hohe Komplexität. Diese erfordere eine gute Zusammenarbeit innerhalb der Lieferkette, was nicht immer gegeben sei. „Vielfach blockieren die Vorlieferanten”, sagte Moor. „Man will nicht ­immer alles kommunizieren.”

Die Tagung befasste sich mit zahl­reichen Details und Projekten zur Konformität, z. B. modellbasierte Ansätze zur Konformitätsprüfung bei der Migration durch papierbasierte Packstoffe, die Untersuchung unerwünschter Stoffe beim Siegeln oder die Mikroplastikexposition aus Lebensmittelkontaktmaterialien. Für die Süßwarenbranche von Bedeutung waren besonders die Ausführungen von Dr. Sieglinde Stähle vom Lebensmittelverband Deutschland zu aktuellen Entwicklungen und Regulierungsvorhaben bei MOSH und MOAH.

Angesichts der multiplen Eintragungswege und Quellen von MOH in Lebensmittel war die Branche in den vergangenen 15 Jahren bei der Minimierung und Problembehandlung sehr erfolgreich. Dabei standen Selbsthilfe und Selbstregulierung durch Leitlinien, Toolbox und gemeinsame Empfehlungen für MOH-Orientierungswerte im Vordergrund.

Zuletzt hat der Lebensmittelverband im November 2024 zusammen mit der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz Arbeitsgruppe Lebensmittel und Bedarfsgegenstände, Wein und Kosmetika (ALB) eine Beurteilung und Anwendungshilfe vorgelegt, um ein einheitliches Verständnis zu schaffen und einen Übergang bis zum Erlass einer Regelung zu ermöglichen. Die EFSA empfiehlt ihrerseits die Verbesserung der Analysemethoden und eine weitere Erforschung der Quellen der Kontamination. Doch nun hat die EU-Kommission ein Regulierungsvorhaben auf den Weg gebracht, das weit über die EFSA hinausgeht und bei MOAH null Toleranz (SML 0,5 oder 2 mg MOAH/kg Lebensmittel) vorsieht mit „wahnsinnig kurzfristigen“ Zeiträumen und sehr hohen Kosten für die Wirtschaft. „Das Vorhaben der Kommission ist unverhältnismäßig und unausgewogen“, kritisierte Stähle.

Thematisiert wurde auch das Verbot von Bisphenol A (BPA) bei der Herstellung von FMCs, das auch für Schokoformen aus Polycarbonat gilt. Ab Januar 2028 dürfen keine Formen mit BPA hergestellt werden; die ­Schokoformen dürfen jedoch so lange verwendet werden, bis sie nicht mehr funktionsfähig sind und ausgetauscht werden. Neben der Vorstellung von zukünftigen Projekten und Forschungsthemen stand der zweite Tag ganz im Zeichen von Recycling und Kreislaufwirtschaft. Im Mittelpunkt standen dabei das länderübergreifende Safe-Cycle-Projekt sowie weitere ­Cornet-Vorhaben, etwa die Erhöhung der ­Sicherheit von Polyolefin und PS ­Verpackungen im Recycling, und das EU-Projekt zum Einsatz von ­mechanisch rezyklierten Polyolefinen in Lebensmittelverpackungen.


 

http://www.ivlv.org


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